Her mit der Blamage und wie man dadurch exzellente Arbeit leistet

15 Mrz

von Ulrike Juli Scheld

„Wofür nehmen Sie denn diesen Stecker?” fragte ich den attraktiven Fremden vor mir in der Schlange. 

„Wie bitte?” antwortete er.

„Oh, ich hatte ihn gerade selbst in der Hand, habe ihn dann aber doch wieder zurückgestellt. Aber neugierig hat er mich doch gemacht.”

So ging es weiter. Sein Name war Christian und er spielt gerne Backgammon.

Auch wenn Sie es vielleicht anders vermuten: Ich habe nicht versucht, ihn anzumachen. Und ich war auch überhaupt nicht an seinem Einkauf interessiert. Mit völlig Fremden ins Gespräch zu kommen, ist eine Übung, die ich vor langer Zeit begonnen habe, um Ängste und Zweifel an meiner Arbeit zu überwinden.

Ja, Sie haben richtig verstanden: es ging um meine Leistungsfähigkeit.

Ich habe diesen Trick vor einiger Zeit gelernt, als ich vor einer Vorstandspräsentation stand und mir morgens schon innerlich die Knie zitterten. Wie viele Menschen drücke ich mich gerne vor solchen Auftritten. Aber diese Präsentation war wichtig.

Also entschied ich, dass ich mein Selbstvertrauen stärken muss. Ich dachte mir: Wenn von mir ein Auftritt vor Publikum erwartet wurde, müsste ich zuerst „nervös sein” üben und vorher noch jede kleine Gelegenheit zum Üben nutzen. Ich taufte diese Übung kurzerhand „meine Mini-Risiken”.

Als es nachmittags letztlich Zeit für meine Vorstellung war, fühlte ich mich wesentlich sicherer. Viel sicherer als ich gewesen wäre, wenn ich den ganzen Tag nur auf den großen Moment gewartet hätte. Ich hatte das Gefühl, meinen Tag selbst in die Hand genommen zu haben. Ich habe die Regie übernommen, genau wie ich es anschließend in meiner Rede getan habe…!

Ich habe dieses Experiment einige Male wiederholt und immer wieder den gleichen Effekt festgestellt: An Tagen, an denen ich einige „Mini-Risiken“ eingegangen bin, war ich wesentlich leistungsfähiger. Ich konnte mich besser konzentrieren und wurde nicht durch Angst oder Selbstzweifel von meiner Arbeit abgelenkt.

Und so einfach geht es:

Sie gehen Mini-Risiken ein, wenn Sie einem Wildfremden auf der Straße in die Augen schauen und ihn anlächeln, dem Kellner eine Frage zu seinem Leben stellen oder auf einer Party mitten im Raum stehen, wo andere Sie tatsächlich sehen könnten (!). Der Risikograd unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Was einen schüchternen Menschen nervös macht, erscheint einem extrovertierten Menschen problemlos machbar. Dieser Mensch muss entsprechend „größere“ Mini-Risiken eingehen.

Der Trick ist, Dinge zu tun, vor denen einem ein wenig mulmig ist, die aber immer noch machbar sind und einem nicht langfristig oder körperlich wehtun. Beginnen Sie mit kleinen Schritten, auch wenn das nur ein simpler Augenkontakt mit einem Fremden auf der Straße ist.

Schätzen Sie Ihren aktuellen Wohlfühl-Level ein und gehen Sie ein klein wenig über die Grenze, an der Sie normalerweise anhalten.

Ein simpler Weg, diese Technik in die Tat umzusetzen: Gehen Sie Ihren Tag an wie immer und nehmen Sie Ihren Alltag in Angriff. Wann immer sich jedoch eine Gelegenheit bietet, in der Sie guter Dinge sind, übernehmen Sie die Führung, reden, bewegen sich oder tun etwas!

Egal ob Sie sich auf der Couch ausstrecken, einem Freund ein Kompliment für sein T-Shirt machen, eine Argumentation durch eine persönliche Geschichte unterstreichen oder Ihre Gefühle mitteilen – es gibt eine Million kleiner Momente während Ihres Tages, in denen Sie die Wahl haben zwischen Handeln und passiv bleiben. Achten Sie auf diese Gelegenheiten und werden Sie aktiv!

Betrachten Sie jedes kleine Mini-Risiko als einen Gewinn, egal wie andere Menschen darauf reagieren. Das ist wichtig! Diese Übung zielt nur aufs Handeln ab, nicht auf die Ergebnisse!

Wenn Sie etwas riskieren, gewinnen Sie! Basta.

Noch wichtiger ist: sammeln Sie diese kleinen Siege. Klopfen Sie sich auf die Schulter, wenn Sie ein Mini-Risiko eingegangen sind. Betrachten Sie jedes Risiko als einen Erfolg an sich und sammeln Sie den nächsten ein, um Ihr Selbstvertrauen weiter zu stärken.

Wenn es um gefühlt große Einsätze geht (wie z.B. eine Geschäftsidee, die jeder für verrückt hält oder Ihren ersten Bühnenauftritt), haben wir oft das Gefühl, dass es nicht in unserer Hand liegt, ob wir Erfolg haben oder versagen. Das Eingehen von Mini-Risiken erinnert Sie daran, dass Sie sehr wohl die Kontrolle über Ihre Leistung und die Auswirkung auf Ihre Umwelt haben.

Es gibt Ihnen das Vertrauen in Ihre eigenen Fähigkeiten zurück.

Sie beweisen sich selbst, dass Sie mit den Dingen umgehen können, die sich Ihnen in den Weg legen. Selbst wenn Sie nicht sofort alles wissen (ja, Sie dürfen auch ein kompletter Anfänger sein!), werden Sie einen Weg finden.

Also nein, ich hatte kein weitergehendes Interesse an Christian (obwohl er sehr nett ist und immer mal wieder meinen Weg kreuzt). Mit dem Ansprechen eines völlig Fremden habe ich mir bewiesen, dass ich mit Peinlichkeit und Unsicherheit umgehen kann; im Kontakt mit anderen Menschen und auch generell in meinem Leben.

Nachdem wir ein paar Minuten geredet hatten, machte ich es mir mit meinem Chai gemütlich, lächelte und kehrte entspannt(er) zu meiner Arbeit zurück.

Was denken Sie? 

Gehen Sie im Kontakt mit Anderen jemals „Mini-Risiken” ein, um sich selbst über Angst und Selbstzweifel an Ihrer Arbeit zu helfen? 

Herzliche Grüße von
Ihrer Ulrike Juli Scheld
*

Die Autorin: Ulrike Juli Scheld berät Hochbegabte und Menschen mit angeblich zu vielen Interessen. 
Kontakt: Tel. 06233 1700 176; kontakt[at]vielbegabte.de 

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  1. Von der Kunst leben (Blogparade) | Vielbegabte - 17. Mai 2013

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