Kratz mich!

7 Feb

von Ulrike Juli Scheld

Als Kinder haben meine Geschwister und ich uns so einiges an den Kopf geworfen. Spielzeug, Sand … und Worte. Dinge, die schnell gesagt sind und schnell wieder vergessen. Oder auch nicht. Es gibt Dinge, die wirken lange nach, vor allem wenn wir dazu hören, dass wir immer so sind und nie anders.

Das funktionierte natürlich auch anders herum mit schönen Dingen. Mit Sachen, die uns besonders leicht fielen oder die wir besonders gut konnten. Also musste sich mein Bruder immer neue Spiele ausdenken und meine Schwester musste immer als Testerin herhalten.

Natürlich stimmt das so nicht. Aber meine Erinnerung blendet die Ausnahmen aus. Ich erinnere mich nicht daran. Habe ich dort einen blinden Fleck?

Was ist ein blinder Fleck? Ein blinder Fleck kann das Ausblenden einer bestimmten Verhaltensweise, einer Reaktion oder eines Satzes sein. Wir können ausblenden, dass wir beteiligt waren. Dass wir selbst auch Verantwortung tragen an der Situation, die sich ergeben hat.

Erinnerungslücken unterscheiden sich meiner Ansicht nach von blinden Flecken. Nicht alles, was mit oder um uns herum passiert, können wir auch speichern. So kann man sich z.B. an Schmerzen nicht erinnern. Manchmal ist Vergessen auch gnädig! Oder traurig. Und manchmal ist einfach so viel Schönes passiert, dass der Speicher für „Schön!“ zu dem Zeitpunkt bis oben gefüllt war.

Warum erzähle ich Ihnen das?

Unsere Erinnerungen prägen das (Zusammen)Leben mit Anderen und mit uns selbst. Manche Erlebnisse erzeugen kleine Kratzer in uns, an denen etwas hängen bleiben kann. Wie an einer Perle, die auch durch eine erste kleine Störung entsteht. Nicht immer bedeutet ein Kratzer etwas Negatives!

So kann auch eine positive Erinnerung einen kleinen Kratzer erzeugen, um den sich eine ganze Perle für Ihr Selbstbewusstsein bildet. Das kann ein Blick oder eine Bemerkung sein, ein Kompliment oder eine Situation, in der Sie sich pudelwohl fühlen.

Erinnern Sie sich an Ihre schönsten Kratzer?

Wie haben Sie erkannt, dass Sie etwas besonders gut können?

Erinnern Sie sich, wann Sie es zum ersten Mal bemerkt haben?

Achten Sie auf sich und diese Rückmeldungen. Jede neue Schicht rund um eine neue Perle ist zart und empfindlich. Lassen Sie Ihren Fähigkeiten und Interessen Zeit, sich zu entwickeln!

Foto: Manfred Heyde (Creative Commons SA3.0)

 

Dann entsteht aus einem Kratzer nach und nach eine harte Perle.

Schlechte Erinnerungen kratzen leider auch. Manchmal so tief, dass das Auffüllen lange dauert. Aber Kratzer sind wie Narben – sie erzählen Ihre Lebensgeschichte. Ihr Körper schreibt permanent an Ihrer Biographie. Lassen Sie Ihre Begabungen auch daran mitarbeiten!

Und die blinden Flecken? Sie blenden aus, lassen Sie blind sein für Kratzer, die Sie vielleicht selbst bei Anderen erzeugt haben. Statt einer Perle entsteht eine Hülle ohne Inhalt, die bei geringster Belastung bricht. Deshalb ist Hinschauen und Bewusstsein wichtig! Und wenn es nur bedeutet, dass Sie so nicht noch einmal jemanden kratzen – oder lieber bewusst einen positiven Kratzer hinterlassen. Dann wachsen auch in Ihrer Umgebung wunderschöne Perlen, an denen Sie sich freuen können!

Herzliche Grüße aus der sonnigen Eis-Pfalz!

Ihre Ulrike Juli Scheld

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Die Autorin: Ulrike Scheld berät Hochbegabte und Menschen mit zu vielen Interessen. 
Kontakt: Tel. 06233 1700 176; kontakt[at]vielbegabte.de 

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  1. Womit würden Sie gerne aufhören? | Vielbegabte - 6. Mai 2013

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