Professors Weihnachtsbrief

18 Dez

von Ulrike Juli Scheld

Der bekannte Professor für Neurobiologie Prof. Dr. Gerald Hüther greift in seinem Weihnachtsbrief für 2011 auch Dinge und Themen auf, die mir besonders am Herzen liegen. Die für mich wichtigsten stelle ich Ihnen heute vor:

1) Das Gehirn wird so, wie und wofür man es mit Freude und Begeisterung benutzt.

Wir wissen alle, wie leicht uns das Lernen fällt, wenn es um ein Thema geht, das uns wirklich interessiert. Nicht das Alter erschwert das Lernen, sondern die nachlassende Begeisterung für neue Themen. Ich kenne 75jährige, die mühelos neue Dinge lernen: wenn das Interesse da ist, dann gibt es kein „Was Hänschen nicht lernt, …“. Das deckt sich mit den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung.
Wenn Sie ein Thema begeistert, dann packen Sie es an! Es ist nie zu spät!

2) Entscheidend prägt uns nicht das Sollen, sondern das Wollen.

Es gibt ein inneres, eigenes Interesse, dass sich unabhängig von äußeren Einflüssen bildet. Dieses Interesse bezeichne ich als die „kleine Stimme im Kopf“. Mein liebstes Zitat dazu stammt von Duane Michals:

Trust that little voice in your head that says „Wouldn´t it be interesting if…“ and then do it!

Professor Hüther plädiert daher dafür, einander einzuladen, zu ermutigen und zu begeistern, immer wieder neue, günstigere Erfahrungen mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit all dem, was uns umgibt, zu machen. Wem das nicht gelingt (mit anderen Menschen oder auch im Umgang mit sich selbst), dem lege ich u.a. Petra Bocks neues Buch „Mindfuck“ ans Herz. Die Buchempfehlung dazu finden Sie auf meiner Website.

3) Der Maßstab der optimalen Leistungserfüllung passt nicht mehr.

Besonders spannend finde ich Professor Hüthers Aussagen über High Potentials, die aufgrund der erreichten Zensuren und Abschlüsse als künftige Spitzenreiter gelten. Sie haben erfolgreich gelernt, wie sie in unserem Leistungssystem optimale Ergebnisse erzielen. Mit dem Berufseinstieg werden sie häufig zum ersten Mal mit Unsicherheit und Misserfolg konfrontiert.

Aus umworbenen Berufseinsteigern werden von einem Tag auf den anderen unsichere Anfänger in einem hochkomplexen Arbeitsalltag mit unvertrauter Hierarchie. Sie erleben zum ersten Mal Konkurrenz, die gleich gut oder sogar besser ist. Plötzlich stehen nicht mehr automatisch alle Türen offen. Stattdessen steht die eigene Karriere auf dem Prüfstand.

Sie wissen, dass dies das Umfeld ist, in dem ich mich im letzten Jahrzehnt beruflich bewegt habe (siehe auch mein Werdegang). Aufgrund der langjährigen Erfahrung sehe ich das Thema High Potentials aus mehreren Perspektiven: Ich begegne Menschen, …

  • … die unter der beruflichen Belastung die eigenen Ziele und Wünsche aus den Augen verlieren. Sie geraten aus der Balance, vernachlässigen ihr privates Leben und ihre Gesundheit und brennen im schlimmsten Fall aus.
  • … die keinen Plan B haben zur bislang schnurgeraden Karriere. Sie sind bei einem Misserfolg und bei Enttäuschungen häufig völlig überfordert, da sie dies vorher noch nie erlebt haben.
  • … deren Selbstbewusstsein trotz Bestnoten noch nicht ausgeprägt genug ist, um sich in einer Konkurrenzsituation oder unter Druck erfolgreich behaupten zu können.
  • … die sich eine eigene erfolgreiche Karriere aufgrund dieser scheinbar unerreichbaren Vorbilder nicht zutrauen. Sie resignieren oft unnötig früh, weil der Erwartungsdruck an sich selbst und von außen zu hoch erscheint.
  • … die an Problemstellungen scheitern, bei denen es um mehr geht als pure Wissensaneignung und -wiedergabe. Sie sind überfordert, weil sie plötzlich kreative Lösungsansätze entwickeln müssen.
  • … die sich als Einzelkämpfer erfolgreich bewährt haben. Gemeinsames Arbeiten, das Teilen von Wissen, gegenseitiges Motivieren und Einstehen für das Ergebnis empfinden sie als höchst irritierend und lehnen es ab.
  • … denen das Korsett des vorgegebenen Karrierewegs (Tempo, Inhalte, Ablauf, zugewiesene Rolle) zu eng oder zu weit ist, obwohl sie als absolute Wunschkandidaten angesehen werden. Sie benötigen mehr oder viel weniger Zeit als ihre Konkurrenz. Sie brauchen mehr oder sogar viel weniger „Betreuung“. Sie wollen schneller Verantwortung übernehmen oder brauchen die Freiheit, sich ein eigenes neues Feld zu erschließen. Diese oft herausragenden Hoffnungsträger suchen sich einen anderen Rahmen und gehen unflexiblen Unternehmen verloren.

Zudem wird sowohl im Bildungssystem als auch in streng hierarchisch organisierten Unternehmen häufig vernachlässigt, essentielle Stärken von Führungskräften zu entwickeln, die beim Aufstieg nicht automatisch und über Nacht vorhanden sind. Dazu gehören Eigensinn und die Bereitschaft, neue Weg zu gehen und neue Lösungen zu suchenBestnoten in Schule und Berufsausbildung galten lange Zeit als optimale Vorbereitung und Garant für eine erfolgreiche Karriere.

Die Lebens- und Berufswelt hat sich verändert und noch gibt es keine aussichtsreiche Alternative. Hier sieht Professor Hüther die größte Herausforderung für unsere Gesellschaft:

4) Wir müssen eine neue Ausbildungskultur erschaffen und neue Bewertungskriterien zulassen.

Besonders interessant wird dieser Wandel dadurch, dass er auch von den Menschen mitgestaltet werden soll und muss, die im bisherigen System erfolgreich geworden sind. Für sie ist es oft schwer nachvollziehbar, dass die Welt anders zu ticken beginnt. Professor Hüther sagt dazu

Um mehr Zitronensaft zu gewinnen, reicht es eben nicht, immer bessere und immer effektivere Zitronenpressen zu entwickeln. Man müsste stattdessen versuchen, viele kleine Zitronenbäumchen zu pflanzen und groß zu ziehen. Das fällt vor allem all jenen besonders schwer, die ihr ganzes bisheriges Leben mit Versuchen des besseren und effektiveren Auspressens von Zitronen verbracht haben. Aber die Zeit ist reif für all jene, die auch schon bisher anders unterwegs waren.

  • Dazu gehört für mich die Förderung Ihrer individuellen Stärken und Begabungen, auch wenn sie nicht in ein Schulfach oder in den normalen Rahmen passen!
  • Dazu gehört das aktive Achten auf Dinge, die Ihre Begeisterung wecken!
  • Dazu gehört das Begreifen und Zulassen von Querdenkern, Unangepassten und Menschen, die nicht ins Schema F passen (oder passen wollen)!
  • Dazu gehört das Zulassen Ihres individuellen Lerntempos – schneller und langsamer, aber nicht zwingend in Nummern eingeordnet!
  • Und (ganz wichtig): Dazu gehört unser aller Offenheit für engagierte Quereinsteiger und die Stärken von ungeraden Lebensläufen!

Ich denke ebenfalls, dass man die laufende Entwicklung nicht länger ignorieren kann. Wir können es uns schlichtweg nicht mehr leisten, das MEHR an Potential zu verlieren, das Menschen in die Welt mitbringen – egal wo dieses Potential sich zeigt (mehr hierzu finden Sie in meinem Blog-Post Begabung ist nicht nur schreiben und rechnen). Dafür leiste ich gerne aktiv meinen Beitrag und engagiere mich für eine neue Lebenskultur.

In diesem Sinne schließe ich mich gerne und von Herzen an Professors Weihnachtsbrief an und wünsche Ihnen eine ruhige Weihnachtszeit mit Zeit für sich und Ihre Lieben, mit Ruhe für die innere Stimme und viel Energie und Zuversicht für das kommende neue Jahr 2012!

Prof. Dr. Gerald Hüthers Weihnachtsbrief im Original

Herzliche Grüße von
Ihrer Ulrike Juli Scheld

*

Die Autorin: Ulrike Juli Scheld berät Menschen mit viel Potential und zu vielen Interessen. 
Kontakt: Tel. 06233 1700 176; kontakt[at]vielbegabte.de 

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